Das Tagebuch eines Forschungsprojektes
 
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KÜKEN-STATUS
Oamaru
Nester: 87
OK
Flügge
R.I.P
124
10
1
Stand: 18.12.2000

NEUIGKEITEN - 18. Dezember 2000

Jetzt hat es ein Ende. Hotte hat uns am Samstag verlassen und ist gen Germany abgreist. Somit ist nur noch der Kern unseres Eudyptula-Teams vor Ort: Stef und ich. Wir werden nicht mehr peilen. Zwar hatte ich allen Ernstes noch überlegt, ob Stef und ich alleine noch ein oder zwei lange Tage peilen würden, doch erstens läßt Stefs Heuschnupfen dies nicht zu und zweitens ist unsere gesamte Ausrüstung nach vier Monaten Seeluft und Stürmen marode geworden: Wackelkontakte in den Antennen kabeln, gebrochene Stromstecker, verkratzte Kompaßrosen und - wohl das schwerwiegenste - die Sender sind partout nicht mehr Dicht zu bekommen und verabschieden sich nach zwei oder drei Tagen auf See wegen Wassereinbruchs.

Wir haben in den zwei Wochen hier in Oamaru 13 Pinguintracks zusammen bekommen. Das ist ungefähr halb so viele Tracks wie wir in 3 Monaten Motuara Island geschafft haben. Das soll reichen. Das gute ist ja auch, daß ich für meine Arbeit nicht 100%ig auf die Tracks angewiesen bin, sondern ja auch noch die wertvollen Daten der TDRs zu verwursten habe. Zusammen mit den Nestchecks habe ich Daten, die ich bis Anno Tobak auswerten kann. Im Moment habe ich aber den 8. März vor Augen: bis dahin muß meine Diplomarbeit eingereicht sein.

Und deswegen sitzen wir hier im Schatten, während draußen die Sonne bretzelt. Ich sitzte vor dem Computer und Werte die Tracks aus, errechne Durchschnittsgeschwindigkeiten und kalkuliere zurückgelegte Distanzen. Ab morgen wird Stef mir helfen und die TDR-Daten auseinanderklamüsern. Es gibt viel zu tun. Gestern haben wir zwei weitere Vögel mit den Fahrtenschreibern ausgerüstet. Ich hoffe nur, daß ich genug Zeit finden werde, alle Tauchdaten auszuwerten, denn mit sekündlichen Meßintervallen kommt so über den Tag eine ganze Stange Zahlen zusammen. Bis Weihnachten hoffe ich schon einiges geschafft zu haben.

Nach Weihnachten, werden wir mit Dave Houston zusammen noch einmal für einige Tage nach Motuara Island gehen und den Pinguinen dort Magenproben entnehmen. Wir wissen was die Pengies hier in Oamaru hauptsächlich zu sich nehmen - slender sprat (Sprotten), und das in rauhen Mengen wie es scheint, denn Hungerzustände gibt es hier bei den Küken gar nicht. Insgesamt scheint es sogar so viel Nahrung zu geben, daß die adulten Pinguine nicht einmal täglich auf See gehen zu brauchen um ihre Sprößlinge zu ernähren: oft sitzt einer der Alten mit den Daunenbergen in der Nestbox.

Das hervorragende Jagdgebiet hat jedoch auch Nachteile; und diese sind hauptsächlich an Land zu finden. Denn wenn Pinguine in der Nähe oder sogar mitten in der Zivilisation brüten, wird ihnen diese nicht selten zum Verhängnis. Fast täglich finden wir von Autos überfahrene Pinguine auf der Harbour Street. Gestern wurde uns diese "Zivilisationskrankheit" richtig vor Augen geführt, als wir einen Pinguin zu Tony Hocken brachten, der von einemTouristen gefunden worden war. Der Vogel hatte anscheinend einen Autounfall überlebt: der Schnabel war zerfetzt und blutverkrustet, die Zunge war weggerissen und ein Bein war gebrochen. Total verstört und leidend hockte der Pinguin auf meinem Schoß und starrte aus dem Fenster von Dave's Wagen als wir durch Oamaru rollten. Der Vogel hatte keine Überlebenschance, wegen des zerfetzten Schnabels. Später sah Tony sich das Tier mitleidsvoll an, murmelte nur "armer Kerl" und erlöste den Vogel mit einem mit Chloroform getränkten Taschentuch. Als der Pinguin die Besinnung verlor und schließlich starb, dachte ich traurig darüber nach, wieviel Glück so ein Pinguin doch haben muß, um erst das Kükenstadium und dann das erste Jahr auf See zu überleben - 90% aller Jungvögel sterben in ihrem ersten Jahr auf See. Und dann schafft es einer, nur um von einem Auto den Schnabel weggerissen zu bekommen...