Das Tagebuch eines Forschungsprojektes
 
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NEUIGKEITEN - 21. Oktober 2000

Nachdem wir heute unsere täglichen Nestchecks erledigt hatten gab's Peiltests für Kirsten und Stef. Kirsten sollte sich allgemein mal reinhören und Stef wollte nocheinmal die kniffelige Peilung von zu starken Signalen austesten. Das Wetter war fabulös, deswegen sprang ich meinen Wetsuit, griff mir GPS Empfänger und einen Sender und ließ unsere Kayak zu Wasser. Ich würde einen Pinguin simulieren und einmal um die Insel paddeln. Das hatte ich ja vorher schon einmal gemacht, als ich die Küstenlinie der Insel mit dem GPS aufgezeichnet habe. Also ließ ich das Boot zu Wasser, klemmte Sender und GPS unter die Spannseile und düste los.

Ein leichter Nordwestwind lag über dem Queen Charlotte Sound, doch insgesamt kam er mir zu Beginn meiner Tour ziemlich harmlos vor. Mit im Boot hatte ich meine Digitalkamera. Mein erstes Bild ging auch prompt in die Hose. Eigentlich wollte ich unsere Hütte vom Wasser aus fotografieren, doch dann bemerkte ich, daß man die Hütte vom Wasser gar nicht sehen kann; das Foto habe ich trotzdem gemacht.


Unsere Hütte auf Motuara Island (irgendwo im Busch, ungefähr da wo der Pfeil hinzeigt)

Dann konzentrierte ich mich voll auf meine Aufgabe als Pinguin. Doch kaum war ich aus dem Windschatten unserer kleinen Bucht herausgepaddelt, als mir auffiel, daß der Wind doch gar nicht so schlapp war. Zwar war es weit von starkem Wind entfernt, doch nichtsdestotrotz schob dieser Nordwester halb-meter-Wellen vor sich her. Das Kayak - eher ein Wander- als ein See-Kayak - wurde immer wieder von ein paar Wellen überrollt, so daß ich mir ernsthaft Sorgen um das GPS Gerät in seiner schwachen ZipLoc Tüte machte.

Ich versuchte ZickZack-Kurse zu fahren, damit die beiden an der Antenne das richtige Pinguin-Feeling bekamen. Zusätzlich hielt ich regelmäßig an, um den Sender unter Wasser zu halten, so daß ein tauchender Pinguin simuliert wurde. Langsam paddelte und pinguinte ich so gen Norden und erreichte schließlich das "Nordkap" unserer Insel.

Die Wellen hier oben waren schon rechte Brecher und das Kayak hatte permanent das Bestreben sich quer vor die Wellen zu schmeißen. Ich blickte die Ostseite von Motuara Island hinunter und sah Brecher auf die Küste klatschen, daß es mir ein wenig mulmig wurde. Doch ehe ich es mir versah, hatte mich der Wind an eben jener Küste hinunter getrieben. Damit war mir die Entscheidung abgenommen worden, ob ich die Inselumrundung komplettieren oder doch lieber umkehren sollte.

Wie sich herausstellte, waren die Wellen zwar hoch, aber ziemlich easy zu managen. Ich spielte weiter den Pinguin und paddelte so langsam südlich, vorbei an riesigen Kelpwäldern. Zwei Pinguine sah ich auf dem Weg nach Süden. Der erste hatte tatsächlich gerade einen Fisch im Schnabel und war damit beschäftigt das zappelnde Tier zur Ruhe zu bringen: er schüttelte immer wieder energisch den Kopf und knallte den Schnabel mit dem Fisch hart auf die Wasseroberfläche auf. Ich paddelte näher heran, was den Pinguin nicht im geringsten störte. Ich war mir ziemlich sicher, hier einen Pinguin-Kerl vor mir zu haben, denn der Schnabel des Vogels war wirklich massig. Es war nach 12 Uhr mittags. Kein Wunder, daß wir oft Probleme haben die Pinguine einzupeilen, wenn sie so nah an der Insel bleiben um zu jagen. Der zweite Pinguin lag faul an der Wasseroberfläche und sonnte sich. Oder trainierte er schwimmen? Bei näherer Betrachtung fiel mir auf, daß das Tier sehr blau schimmerte, während das nasse Gefieder der Zwergpinguine in der Regel schwarz aussieht - möglicherweise hatte ich hier einen gerade flügge gewordenes Jungtier vor mir.

Auf meinem Weg entlang der Ostküste überkam mich auch die Muse. Ich drehte mein Kayak gegen den Wind und fummelte die Digitalkamera aus meinem Wetsuit. Umständlich friemelte ich die Kamera aus der ZipLoc Tüte und schließlich aus der Kamerahülle. Und just in dem Moment da ich die Kamera ausgepackt hatte, stürmte eine Böe heran, die mir das Paddel fast aus der Hand geweht hätte. Meine ZipLoc Tüte plus Kamerahülle flatterten ins Wasser, mein Boot drehte sich seitlich in die Wellen und mir wurde ganz anders. Hastig griff mich mir Tüte und Hülle, klemmte mir die Kamera zwischen die Zähne und brachte das Boot wieder in Position. Ich versuchte ein Foto zu machen, doch der Wind erfasste sofort wieder das Boot. Die Wellen brachen über das Deck und ich hatte die Kamera zwischen den Zähnen. Doch es sollte nicht für umsonst gewesen sein - schnell packte ich die Kamera und schoß ein Bild (allerdings hielt ich die Kamera verkehrt herum):


Ein Bild, das außer meinem Gesichtsausdruck nicht im geringsten
der Dramatik seiner Entstehung entspricht: meine Pinguin-Tour entlang der Ostseite Motuara Islands -
hinter mir Kelpwälder im Wasser und Hippa Island (Motuara Islands kleine "Ankerinsel")

Nach soviel Action beschloß ich, nur noch Bilder in ruhigem Wasser zu schießen. Auf dem Weg um Hippa Island herum, der kleinen "Ankerinsel" am Südostzipfel Motuara Islands, blickte ich zum Observation Tower hinauf. Ich konnte weder Stef noch Kirsten sehen, jedoch erhaschte ich ein paar Blicke auf die Antenne. Ich war nicht gerade begeistert, daß die beiden ungefähr 90° an meiner tatsächlichen Position vorbeipeilten.

Als ich um Hippa Island herum paddelte erwartete mich ein ziemlich ungewohnter Anblick unserer einsamen Südseeinsel. An dem Boots-Mooring vor unserem South Gully war allerhand los. Und mir fiel wieder ein, daß heute Sonntag eines langen Wochendes war.


Aus der Traum von der einsamen Insel - Wochenend-Wasser-Camper vor dem South Gully

Wie es sich für ein paradisisches und leicht schiffbares Seegebiet gehört, schwärmen an langen und sonnigen Wochenende die Wasser-Camper mit ihren Yachten aus, ankern in geschützen Buchten und verbringen drei Tage auf dem Wasser um zu lesen, zu angeln oder fernzusehen. Für mich, als momentan verwildertem Buschmann, war dieser Anblick schon irgendwie seltsam: da hocken sie auf ihren Booten und machen, was sie auch an verregneten Sonntagen zu Hause machen und keine 50 Meter weiter ist eine wilde Insel voll mit Pinguinen und Robins und Saddlebacks und Kiwis. Doch ich muß ehrlich sagen, daß es mir so am liebsten ist; wenn ich mir vorstelle, alle Leute würden mit ihren Zelten über Motuara Island hereinbrechen (was sowieso nicht erlaubt ist - aber wenn...), dann wäre die letzte Illusion unserer "wilden Insel" dahin. Doch so bleiben uns die Pinguine, die uns Nachts wach schreien, die Sooties (Dunkelsturmtaucher), die in der Dämmerung als Kamikaze-Flieger auf unsere Veranda krachen und die Robins, die uns das Müsli aus der Schale und die Butter vom Brot klauen. Und doch würde ich es jedem Menschen gönnen, das Inselfeeling zu erleben, in dem wir seit nunmehr 2 Monaten leben. Ich glaube es wird sehr schwer werden von der Insel abzureisen.

Aber das ist ja noch eine ganze Weile hin.

:-)